> Zurück

Tourismusbeginn in den Zentralalpen

Mi&My 05.08.2016
In der Vorankündigung zum Wochenendausflug in die Zentralalpen hatten Andrea und Maya uns nicht zu viel versprochen: Für erfahrene Fahrerinnen, abwechslungsreich, tosend, altehrwürdig, an den Nerven kitzelnd, historisch, ein Erlebnis, Kurvenreich und romantisch.
Und trotzdem boten die drei Tage auf Andreas Hausbergen unzählige Überraschungen und waren aufgrund der professionell geplanten Reisedramaturgie für alle ein besonderes Erlebnis. Ob es der sich entwickelnde Gruppenspirit, das Einfahren aufeinander, die Steigerung der besuchten Schauplätze oder der Schwierigkeitsgrade der befahrenen Pässe und Transferstrecken war: Es hätte nicht besser sein können. Direkt an dieser Stelle ein Tusch für Andrea und Maya, die das perfekt organisiert haben: Vielen Dank!
 
 
Die Apps und leider auch das reale Wetter sagten am Freitag trübe Aussichten und einige imposante Wolken voraus. Aber egal, drohendes Regenwetter kann wunderschön anzusehen sein. Das war es auch: Die Streckenführung verlief genau westlich am Regengebiet entlang und so kamen wir unter dem Lead von Maya nur leicht angedunstet über kleine Strässchen zum Restaurant Bahnhof Malters an. Hier gab es die Guide-Übergabe an Andrea und beim Znüni die Tourbesprechung der nächsten beiden Tage. Die kartenspielenden Altherren am Nachbartisch liessen sich nicht irritieren. Unser Auftritt mit Helm, kleinem Gepäck und schweren Stiefeln verhalf dem holzgetäfelten Lokal aus der Wende zum 20. Jahrhundert schliesslich zu seiner ursprünglichen Bestimmung als Durchreisehotel zurück – damals für die Jura-Simplon-Bahnreisenden.
Ab hier wurde es eine erste Stufe kurvenreicher. Mit prächtigen Ausblicken in wolkenverhangene Täler fuhren wir zum Hotel Kemmeribodenbad um Myriam zu treffen und lecker Mittag zu essen. Das Wetter hielt sich immer noch. Dieses Hotel wirkt wie aus dem Ei gepellt. Stünden dort nicht einige alte Gerätschaften um dieses propere Holzhaus und wüsste man nicht um das Erbe einer selbstbewussten Wirtin, dann käme frau nicht auf die Idee einer über 180jährigen Tradition. Die Küche ist absolut modern und das Wochenende bietet hier den einzigen Wehrmutstropfen: Wir haben es versäumt, eines dieser meersäuligrossen Meringue, die Spezialität des Hauses, zu probieren. Und wir reden von sehr gut genährten Meersäuli. Item, ein guter Grund, wieder Mal nach Kemmeribodenbad zu fahren.
An der Nordseite des Thuner- und Brienzersees vorbei ging es weiter. Tag eins der Tour stand unter dem Stern: Wasser. Davon konnten wir nicht genug bekommen. Natürlich nicht in Form von Regen – dem gingen wir (fast) den ganzen Tag erfolgreich aus dem Weg. Doch wir sahen vom Nordufer des Sees schon hinüber zu den Giessbachfällen. Vor Ort liessen wir es uns nicht nehmen, die Promenade aus der ersten Hälfte 19. Jh zu begehen, die hinter dem Wasserfall durchführt. Die Wassermassen waren in dieser regenreichen Zeit wirklich beeindruckend! Wir liessen das Tosen hinter uns und genossen Zvieri im Grandhotel Giessbach. Einer Stiftung sei Dank blieb das ganze Ensemble erhalten und wir können uns heute noch durch Details wie die gesägten Trauf- und Giebelleisten und die gusseisernen Verandaelemente vergegenwärtigen, wie unsere Vorfahrerinnen vor den Weltkriegen reisten. So aber sassen wir auf Plüsch im stimmig restaurierten Saal mit Kronleuchtern und Stuckdekor und tranken zu Klaviermusik unseren Earl Grey, wahlweise auch unser Cola Zero, einen Hauch gediegener als sonst.
Erst unter der heissen Dusche im Hotel Handeck merkte ich, dass es den Tag über doch frisch gewesen war. Dieses Hotel unterhalb des Grimsel war von Andrea und Maya für die erste Übernachtung perfekt ausgesucht.
Das fröhliche Personal und die ausgezeichnete Küche liessen uns nach einem urgemütlichen leckeren Abend zufrieden in die Betten plumpsen. Nach der Besichtigung der gigantischen Hängebrücke, der Überwindung von Höhenangst und der Betrachtung der noch gigantischeren in den Wolken verschwindenden Standseilbahn auf der Handeck starteten wir unsere Königinnenetappe.
Wir fuhren die absolut schönsten Pässe an: fünf Stück – nach Überquerung des Grimsel im strahlenden Sonnenschein. Wie auch schon bei der Handeck erläuterte uns Andrea am Grimselsee die
Geschichte der Wasserwerke. Eine Koreanische Touristin mit Selfiestick war von unserer Gruppe so begeistert, dass sie sich mit mir und Maya fotografierte. Das muss für die anderen ein surreales Bild abgegeben haben: zwei futuristische Bodyguardfrauen in voller Töffmontur und Helm, die eine zierliche ältere Dame flankierten, welche ihnen etwa bis zur Brust reichte.
Was auch noch toll für diesen Tag war: Es war gar nicht so viel Verkehr. Rauf, römm, runter, römm, rechts, römm, links, eine Rote TouR, die schwaRze StReifen bekam. Kurzer Stopp beim Hotel Glacier du Rhone aus 1870, als die Reise über die Furka noch zwölf Stunden dauerte, und der dahinter liegenden anglikanischen Kapelle. Danach konnten wir von diesen unsäglich schönen Strecken, die dort Jahrhunderte zuvor unsere Vorfahren in die Hänge der Hochalpen geschlagen haben, einfach nicht genug bekommen. Als Flachlandtirolerin bekomme ich schon beim Betrachten der Serpentinenführung von unten Gänsehaut. Unbeschreiblich: Ulrichen, Passo Della Novena. Kurze Mittagspause im All’Acqua, bei der sich alle wunderten, dass wir um 11:30 schon wieder solchen Hunger hatten. Die Bestellung auf Italienisch funktionierte tadellos. Ich wich dem sorgsam einstudierten Gerichtnamen aus, indem ich nach der Bestellung der Vorfrau elegant zwei Finger hob und signalisierte: „Ich auch“. Myriam plauderte derweil entzückt mit einer anderen orangen Tiger XC, die im gleichen Restaurant haltgemacht hatte. Durch das Bedrettotal hinunter nach Airolo stieg die Temperatur mit jedem Meter. Natürlich wählten wir für den Rückweg in die Deutschschweiz die längere Variante über Lukmanier und Oberalp. Mit Bedauern liessen wir aus Zeitgründen das Benediktinerkloster Disentis links liegen – ein guter Grund, ein andermal wieder den Oberalppass anzusteuern. Den krönenden Abschluss bildete der Susten, ein toller S-Kurven-Pass, bei dem man den Töff so richtig wedeln lassen kann. Beim Panoramahalt am Strassenrand wies uns ein Ehepaar in schönstem Nidwaldner Dialekt darauf hin, dass unten im Tal ein Blitzer aufgestellt sei. Unsere schwarze Fraktion sah ihn trotz eifrigem Ausschau halten nicht und sorgte sich kurz, dass sie erfasst worden sei.
Trotz dem waren mit unseren Fahrkünsten sehr zufrieden als es ruhig und idyllisch die kleine Privatstrasse entlang hinauf zur Engstlenalp ging. Der „Zöllner“ an der Mautstelle flachste zwar, im Radio wäre grad eine Meldung gekommen, dass ein Töff mit Zürcher Nummer in Gadmen in die Radarfalle ging... doch so leicht liess sich Marianne auch nicht ins Bockshorn jagen. Das Hotel und ehemalige Kurhaus Engstlenalp ist ein Schmuckkästchen, wirklich. Etwas an diesem Ort gibt einem das Gefühl, sich in einem frisch geputzten Puppenhaus zu bewegen. Zwar sind einige bauliche Details den Sicherheitsbestimmungen und dem Brandschutz geschuldet, doch fällt dies bei der Sicht auf das Gipfelpanorama, bei den niedrigen holzverkleideten Zimmern mit altem Mobiliar samt Wasserkrug und Waschschüssel und dem Speisesaal mit Kassettendecke nur der genauen Betrachterin auf.  
 
Auch hier ist das Personal unschlagbar. Myriam bestellte in Erinnerung an eine frühere Tour einen Absinth und ein Mineralwasser. Darauf entdeckte sie auf der Karte einen Röteli und konnte nicht wiederstehen. Auf ihre Bemerkung hin, sie hätte sich umentschieden und nehme jetzt den Röteli, meinte die Bedienung trocken: „Also doch kein Wasser“. 
Andrea und Maya haben an alles gedacht, und so gab es nach einem Abendessen vorm Schlafengehen ein offenes Sternenzelt. Am Morgen vor der Abfahrt überraschte uns die Alphorngruppe Alte Aare mit einem Übungsständchen.
Die Bergkulisse, die Alphornklänge, die Weite des blauen Himmels – unmöglich, jetzt die Töffs zu starten. Es war schlicht zu schön, um diesen perfekten Moment zu stören. O.K., die Tour hätte auch ohne das Konzert 5 Sterne mit Krönchen bekommen, aber so geht es nicht anders. 
Nach kurvenreicher Fahrt die Rosenlauischlucht hinauf und einem kleinen Mittagessen im seit 1799 bestehenden Hotel Rosenlaui hatte die Tiger von Myriam verständlicherweise nicht so richtig Lust, wieder mit nach Hause zu kommen. An der Einmündung der Rosenlauistrasse in die Hauptstrasse machte machte sie schlapp. Aber egal, jetzt war ich eingefahren und bekam mit Myriam auf der Rückbank gleich nochmal über den Susten das Sozia-Diplom. 

Fazit:
Wenn frau mit KUK unterwegs ist, dann will sie vor allem: Mit anderen eine gute Zeit verbringen, abschalten, Neues erleben und ganz viel Spass auf dem Töff haben. Das ist uns in dieser vom Fahrinteresse her sehr heterogenen Gruppe dank Offenheit, gegenseitiger Rücksichtnahme und unseres Humors super gelungen. Das war eine grandiose Kuki-Gruppe.
Die historischen Schauplätze, an denen wir Pausen machten oder übernachteten, waren sehr unterschiedlich gestaltet und wirkten entsprechend verschieden auf uns. So spricht mich als naturbegeisterte Bewegungsinteressierte die Handeck und die Engstlenalp mit ihrem natürlich belassenen Erscheinungsbild und ihrer freundlichen Zweckmässigkeit mehr an als das auf Hochzeits- und andere Bankette abzielende sehr üppige und durch den Tagestourismus sehr betriebsame Grandhotel Giessbach. Gerade durch diese Kontraste und das Kennenlernen dieser unterschiedlichen Plätze ist das Programm so brillant gelungen.