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Emmentaler Chrächen mit Weltliteratur

Um neun soll es losgehen, um halb neun fahre ich in Affoltern beim Treffpunkt vor. Zeit genug, den von Lilo empfohlen lokalen Sportartikelladen aufzusuchen und mir eine Merino-Hose zu kaufen. Ich habe die Temperaturen an diesem sonnigen Samstag völlig überschätzt. Bise herrscht.

Als ich zurückkomme, ist unser Vierertrupp komplett, und wir steigen auf die Töffs, die wir an unterschiedlichen Orten parkiert haben. Lilo, Anja und ich finden uns schnell. Doch wo steckt Eli? Eine kurze Verwirrfahrt später gabeln wir sie am Bahnhofskreisel auf. Und jetzt kann’s losgehen. Erst kurven wir durch das idyllische Mittelland, wo die Störche beim Weiler Bützen auf den Dächern nisten, wo das Holz der Sägerei Dahinden beim kleinen Abzweiger in Hellbühl so herrlich duftet. Dann ab ins Entlebuch. Die Strasse, die sich normalerweise mit Kolonnenverkehr endlos zieht, ist heute frei und wir können den Hahn aufdrehen.

Bei der Käserei in Marbach erfolgt ein erster Stopp. Von der „alten Geiss“ bis zur „Frauenpower“ ist hier jede Käsesorte zu haben. Wir stärken uns mit „Frauenpower“ (ein dezenter Hauch Chili) und düsen dann die Kurven zum Schallenberg hoch. Langsame Autos werden von unserer Tourleiterin gnadenlos gefressen. Und apropos essen: Beim Bären Eggiwil gibt es den Zmittag- und Aufwärmstopp (ja, es ist trotz Merinohose immer noch frisch in den Emmentaler Chrächen). Sowohl „Gotthelfs Rinderzunge“ wie das Bärenrösti können wir wärmstens empfehlen.

Weiter geht’s, durch ein mir völlig unbekanntes Gebiet im Emmental. Die Kurven sind offenbar alle Harley-tauglich, weil uns auf dieser kurzen Strecke gleich mehrere dieser gemütlichen Schiffe entgegengondeln.

Bei Lützelflüh erreichen wir das Ziel dieser Tour: das Gotthelf-Zentrum - ein wunderschönes Emmentaler Häuser-Ensemble, versteckt hinter der Kirche. Beim Besuch des Museums frage ich mich, wie ich meine ganze Schulzeit durchlaufen konnte, ohne auch nur eine Zeile von „Ueli der Knecht“ oder anderen Gotthelfwerken zu lesen. Vermutlich erreichten die antiautoritären Siebziger in abgeschwächter Form sogar die Aargauer Schulstuben, denke ich mir. Prompt kommt „die Schwarze Spinne“ auf meine eBook-Liste.

Übrigens: das Gotthelf-Zentrum ist auch für absolute Literaturmuffel ein lohnenswerter Stopp. Wenige Meter von der verkehrsreichen Hauptstrasse ist man in einer völlig anderen Welt. Im Museumscafé zwischen ehemaligem Pfrundhaus und barockem Pfarrhaus sitzt man unter dem Sonnenschirm und genehmigt sich das Glacechübeli eines lokalen Produzenten. Schöner kann’s nicht sein.

Danke, Lilo, dass du uns diesen versteckten Ort gezeigt hast.